Der Westen: Eine Erfindung der globalen Welt

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Michael Drewniok
9101

Sachbuch-Couch Rezension vonMai 2026

Wissen

Faktendichte, aber lebendige, weil gut gegliederte und geschriebene Darstellung, die ‚trockene‘ Geschichte mit Leben füllt.

Ausstattung

Nur wenige, kleinformatige Farbfotos bilden einige der im Text genannten Artefakte und Funde ab; wichtiger sind die einfachen bzw. übersichtlich gestalteten Landkarten.

Geschichte als Netzwerk.

Die Geschichte der Menschheit erschlägt uns förmlich mit Fakten, je weiter wir uns der Gegenwart nähern. Wir profitieren zusätzlich von einer Überlieferung, die in ihrer Bedeutung als Schlüssel zum Verständnis vergangener Zeiten begriffen wurde. Heute erweist sich aufgrund ihrer schier unendlichen Möglichkeiten die noch junge, aber bereits alltägliche Digitaltechnik eher die Fülle der einlaufenden Informationen als Problem.

Eine Klage auf hohem Niveau, mögen Forscher mancher Fachbereiche im Umkehrschluss denken: Je weiter wir zeitlich zurückgehen, desto kärglicher werden die Quellen. Einst mögen sie durchaus so reichlich wie in jeder Gegenwart gesprudelt haben, aber wie alles auf dieser Welt waren sie vergänglich, zumal sie in der Regel nicht für die Ewigkeit geschaffen wurden. Den ‚modernen‘ Menschen gibt es schon seit Jahrzehntausenden, aber er begann erst vor vergleichsweise kurzer Zeit schriftlich festzuhalten, was ihm durch den Kopf geht.

Wie uns Josephine Quinn, Dozentin für Alte Geschichte an der englischen Universität Cambridge, plausibel macht, ist Schriftlichkeit jedoch keine unbedingte Voraussetzung für die Entstehung einer Hochkultur. Die moderne Archäologie stößt in Zusammenarbeit mit anderen (Natur-) Wissenschaften immer wieder auf Relikte einer Vorzeit, die tradierte Vorstellungen auf den Kopf stellen bzw. Lügen strafen. Dann beginnt die Interpretation; eine Herausforderung, die keineswegs allein durch Wissenslücken definiert wird. Der Mensch ist ein Produkt seiner Zeit und unterliegt Sichtweisen und Wertvorstellungen, die sich im zeitlichen Abstand betrachtet als subjektiv dort herausstellen (können), wo Objektivität das Maß aller Dinge sein möchte.

Geschichte als Abfolge von Lücken

Quinn stellt sich auf die Seite derer, die eine Neubetrachtung der zum Teil verkrusteten Ansichten fordern, welche nicht nur die ‚alte‘ Geschichte bis heute prägen: Demnach ploppten zu unterschiedlichen Zeiten urplötzlich Keimzellen des Wissens und des Fortschritts auf. Sie entwickelten sich zu Zentren = kulturellen Inseln, die isoliert voneinander existierten und dennoch die „Zivilisation“ als solche absteckten. Darüber hinaus erfolgten solche ‚Evolutionssprünge‘ angeblich in räumlichen und zeitlichen Abständen. Auf diese Weise konzentrierte sich der Fortschritt im bronzezeitlichen Zweistromland, in Altägypten, im Reich Alexander des Großen, im antiken Griechenland und Rom, in Konstantinopel bzw. Byzanz, im ‚Europa‘ Karls des Großen ... Wir kennen diese ‚Zivilisationszellen‘, die uns u. a. in Schulbüchern vermittelt wurden.

Vor allem seit dem 18. Jahrhundert sahen Historiker und Philosophen die Geschichte als Wald, in dem sich Kulturen wie Bäume erhoben. Die Äste mochten reich verzweigt sein, womit man der Tatsache Tribut zollte, dass diese Menschen mit ihren Nachbarn handelten, Krieg führten oder anderweitig kommunizierten. Dennoch sah man jede Kultur als eigenständiges Phänomen, das entstand, sich entfaltete, irgendwann niederging und starb, um eine Lichtung in Gestalt dunkler Phasen der Degeneration und Isolation zu hinterlassen.

Dieser Tradition rückt Quinn mit den Instrumenten diverser Forschungsbereiche zu Leibe. Sie nutzt die Fülle neuer oder bisher nur unzureichend berücksichtigter Fakten, die es ermöglichen, ein Bild der Vergangenheit zu zeichnen, das viele der genannten Lücken plausibel füllt. Moderne Technik gestattet nicht nur die Lokalisierung bisher unbekannter Kulturzentren, sondern auch eine Auswertung, die über den zwar prüfenden, aber durch die weiter oben skizzierte Betrachtungsweise eingeschränkten Blick weit hinausgeht. Es ist faszinierend, dass schon wenige, aber gut ausgewählte Moleküle heutzutage ausreichen, um im Labor zu entschlüsseln, wo ein Mensch, von dem womöglich nur Knochenbruchstücke oder Zähne vorliegen, geboren wurde, was er aß, wie er seinen Lebensunterhalt bestritt oder es um seine Gesundheit bestellt war und auf welche Weise er zu Tode kam.

Keine Löcher, sondern ein Netzwerk

Die zusammengetragenen Informationen entlarven den Blick auf Inselzivilisationen als Fehler, was nicht erstaunen sollte in einer Gegenwart, in der wir permanent von „Globalisierung“ sprechen: Alles hängt seit jeher mit allem zusammen, wobei dieser Kontakt keineswegs immer direkt sein musste. China lag beispielsweise bis in die frühe Neuzeit geografisch weitab der „klassischen“ Zivilisationen, die sich um das Mittelmeer gruppierten. Nichtsdestotrotz gab es schon in erstaunlich frühen Zeiten neben Eroberern und Entdeckern in erster Linie Händler, die profaner Geschäftssinn in die Ferne trieb.

Sie kamen aus dem Westen und wanderten nach (Süd-) Osten. Von dort kamen ihnen ähnlich motivierte Gruppen entgegen. Man traf und tauschte sich aus, knüpfte Verbindungen. So entstanden Netzwerke, die erstaunlich stabil waren, zwar oft durch politische und kriegerische Krisen beeinträchtigt oder gar zerstört wurden, aber immer wieder neu entstanden. Die Routen und die Menschen, die sie nutzten, mochten sich unterscheiden, doch über Jahrtausende wurde dieses strapazierte, aber stabile Netz unermüdlich neu gewoben.

Quinn beginnt ihre Reise durch die immer wieder globalisierte Welt vor 4000 Jahren in Byblos, einer aufstrebenden Stadt an der levantinischen Küste des östlichen Mittelmeers. Sie wählt für jedes der 30 Buchkapitel meist einen Ort - in der Regel eine Stadt - aus, den sie uns lebendig als Keimzelle der beschriebenen, sich anbahnenden Entwicklung vorstellt. Eine Karte sorgt dafür, dass wir uns in der Vergangenheit zurechtfinden, denn Quinn macht uns mit fremden Ortsnamen vertraut, die in ein verdichtetes Weltbild einfließen.

Das Unbekannte gewinnt Gestalt

Dann lässt Quinn den Ausgangspunkt hinter sich und folgt den Eroberungs- und Handelsströmen, die von diesem Ort ausgehen oder in denen er eine wichtige Station darstellt. Die Perspektive verschiebt, der Blick weitet sich, denn die Autorin bezieht abermals Regionen ein, die von der Geschichtsschreibung bisher (s. o.) stiefmütterlich behandelt wurden.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, auf die enorme Faktendichte einzugehen. Als Beispiel sei Quinns erfolgreiches Bemühen genannt, den „dunklen“ Kontinent Afrika in die historische/n Welt/en einzubinden. Das in Anführungsstriche gesetzte Adjektiv zeugt von der langen Missachtung einer eigenständigen, lebendigen und unerhört reichen afrikanischen Kulturgeschichte, deren Repräsentanten jenseits europäischer Eroberer und Kolonisten eigene Entwicklungsbahnen einschlugen und den ‚fortschrittlichen‘ Zivilisationen des von seiner Überlegenheit überzeugten Westens keineswegs nachstanden.

Mit der (Wieder-) Entdeckung der beiden Amerikas Ende des 15. Jahrhunderts postuliert Quinn ein Ende der Entwicklung des Westens der innerhalb seit Jahrtausenden bekannten Grenzen. Von nun an verschoben sich die Sphären des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Handelns in den Doppelkontinent jenseits des Atlantiks. Übernommen wurde vor allem das Prinzip der Ausbeutung und Herabwürdigung „unzivilisierter“ Völker, das sich - so Quinns ebenso pessimistischer wie begründeter Ausblick - bis heute halten konnte.

Es ist schwierig, eine komplexe Historie, die drei Kontinente einschließt, so unter einen Hut zu bringen, dass sie in der Darstellung auch einem zwar interessierten, aber sachfremden Publikum nahegebracht werden kann. Tatsächlich fordert die Fülle von Personennamen und der rasche Sprung von Ort zu Ort die Aufmerksamkeit der Leserschaft heraus: Dieses Buch bündelt die Forschungserkenntnisse vieler Jahre und vieler Fachleute - die Danksagungsliste ist eindrucksvoll in ihrer Länge. Andererseits findet Quinn (unterstützt von einem überaus kompetenten Übersetzerduo) den richtigen ‚Ton‘; jene magische Mitte zwischen sachlicher Darstellung und Erzählung, die den Fakten gerecht wird, ihnen aber zusätzlich Leben einhaucht. Da Quinn Engländerin ist, bleibt sogar Raum für humorvolle Anekdoten. So gibt es zum deutschen Geografen Ferdinand von Richthofen folgende Fußnote: „Richthofens Neffe war der Rote Baron, das Fliegerass des Ersten Weltkriegs und Snoopys Erzfeind.“ (S. 350)

Fazit

Vor bisher selten in diesen Zusammenhang gestellten Fakten förmlich berstende Darstellung einer viertausendjährigen Geschichte Europas, die aus historischer Sicht lange weniger relevante Regionen (primär Asien und Afrika) in ein Gesamtbild einbezieht, das die Zivilisation ungeachtet zahlreicher Rückschläge als fließenden, nie wirklich abreißenden Prozess beschreibt: Aus isolierten Räumen entsteht ein Netzwerk, das die (geistige) Flexibilität schon des frühzeitlichen Menschen belegt - und dies spannend, detail- und anekdotenreich.

Der Westen: Eine Erfindung der globalen Welt

Josephine Quinn, Klett-Cotta

Der Westen: Eine Erfindung der globalen Welt

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