Der letzte Akt

  • Reclam
  • Erschienen: September 2026
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Michael Drewniok
7101

Sachbuch-Couch Rezension vonOkt 2026

Wissen

Viele Fakten, ein klarer Darstellungsbogen, aber auch eine mehrfach dünne Faktendecke sowie Interpretationen, denen man nicht immer folgen mag.

Ausstattung

Eine Karte und zahlreiche Fotos sorgen dafür, dass man sich von den Schauplätzen und den erwähnten Figuren buchstäblich Bilder machen kann.

Wie man zu dritt ein Imperium erledigt.

Am 1. November 1894 tritt Nikolaus II. das Erbe seines Vaters an und wird Zar des Russischen Reiches, das an Fläche jedes Land der Erde übertrifft. Dieses Imperium steht jedoch auf tönernen Füßen, denn es ist ökonomisch unterentwickelt und hinkt vor allem industriell den modernen Staaten dieser Epoche weit hinterher. Auch politisch herrscht Stillstand. Während in Europa die Monarchien konstitutionell wurden, d. h. das Volk gewisse Mitbestimmungsrechte erstritten hat, beharrt Nikolaus auf seiner ihm angeblich von Gott verliehenen Alleinherrschaft, ignoriert die Unzufriedenheit seiner Untertanen und lässt Proteste oft blutig niederschlagen.

Ohnehin ein unsicherer, schlecht ausgebildeter Staatslenker, reiht er Fehler an Fehler und bringt nicht nur das Volk, sondern auch den feudalen Adel und das Militär gegen sich auf. Zu allem Überfluss heiratet Nikolaus mit Alix von Hessen-Darmstadt eine psychisch belastete, herrschsüchtige, frömmlerische sowie deutsche Frau, die ihn in den folgenden Jahrzehnten immer wieder mit schlechten Ratschlägen bedrängt.

Nikolaus ist unentschlossen und harmoniesüchtig; gefährliche Schwächen für einen quasi absolutistischen Herrscher. Ab 1906 weiß dies ein ungebildeter, aber schlauer Mann auszunutzen. Rasputin, der (nie geweihte) Priester aus dem fernen Sibirien, kommt nach St. Petersburg, wo er sich einen Namen als Visionär, Heiler und Prophet machen kann und schließlich dem Zarenpaar vorgestellt wird.

Von nun an herrschen sie zunehmend zu dritt. Ohne Rasputins Rat kann vor allem Alix/Alexandra nicht mehr leben. Dass ihr geistiger Führer, der sich zum Sprachrohr Gottes aufschwingt, ein korrupter, sexsüchtiger Scharlatan, Säufer und Vergewaltiger ist, will die Zarin nicht hören. Zehn Jahre taucht Rasputin immer wieder am Hofe auf, gewinnt an Einfluss - und bringt mächtige Feinde gegen sich auf, die seinem Leben am vorletzten Tag des Jahres 1916 ein ebenso spektakuläres wie grausames Ende bereiten.

Mann und Mythos

Er hieß Grigori Jefimowitsch Rasputin, lebte von 1869 bis 1916 und ging nicht nur in die Realhistorie ein, sondern entwickelte sich schon zu Lebzeiten zu einem Mythos. Bis in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts steht sein Name für ein düsteres, böses oder übermenschliches Genie, das Menschen durch seinen Willen, durch Hypnose oder durch dämonische Kräfte in seinen Bann zieht. Der ‚echte‘ Rasputin gebot jedenfalls über eine Macht, die ihm den Zar von Russland und seine Gattin unterwarf. Wie um seine Überlebensgröße zu unterstreichen, bedurfte es gleich mehrerer gleichzeitiger Mordattacken, um ihn umzubringen. (Allerdings kehrte er u. a. als Comic-Bösewicht zurück, um Corto Maltese, Agent Venom oder Hellboy das Leben schwerzumachen.)

Ein solches Leben kann nachträglich schwer dokumentiert und bewertet werden. Zu viele einander oft widersprechende Quellen künden angeblich von einer ‚Wahrheit‘, die nur annäherungsweise zu rekonstruieren ist. Zum Vorschein können trotzdem Fakten, die sich zu einem stimmigen Bild fügen bzw. fügen lassen; ein Vorbehalt, der hier angesprochen werden muss, da das vorgestellte Buch zumindest diesen Rezensenten nur zum Teil überzeugen konnte, obwohl - will man der Werbung Glauben schenken - einer der renommiertesten Historiker dieser Tage sich des Themas angenommen hat.

Antony Beevor gehört zu denjenigen Wissenschaftlern, die reiche Beute in den russischen bzw. sowjetischen Quellen machten, weil er die Sprache beherrscht. Nach dem Ende der UdSSR war es westlichen Wissenschaftlern endlich möglich, sich in Archiven umzuschauen, die viele Jahrzehnte buchstäblich hinter einem „Eisernen Vorhang“ unzugänglich geblieben waren. Auf diese Weise konnten eminente Forschungslücken endlich geschlossen werden.

Wer und was steckt hinter dem Mythos?

In einem Vorwort erklärt Beevor, dass er bei den Recherchen für andere Bücher, die sich mit der russisch-sowjetischen Geschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigten, immer wieder über Rasputin gestolpert sei. Sein Interesse war geweckt, und dieses Buch ist das Ergebnis einer direkt auf Rasputin zielenden Untersuchung, die das historische Umfeld jedoch ausdrücklich einschließen soll.

Beevor legt ausführlich dar, worin die Schwierigkeiten bestehen, Rasputin als Faktor der Geschichte dort einzuordnen, wohin er gehört. Zu vage sind oft eindeutig belegbare Quellen, was bei einem Mann, der sich zum Mystiker stilisierte, um auf diese Weise einerseits möglichst viele Menschen zu beeindrucken und andererseits seine Fehler und Verbrechen zu verschleiern und umzudeuten, nicht verwundert. Vor allem über seine Jahre vor dem Auftauchen am Zarenhof bleibt der Autor (notgedrungen) schweigsam.

Beevor setzt sich mit den bekannten Aufzeichnungen prominenter Zeitgenossen auseinander und analysiert sie. Zum Vorschein kommen Matroschka-Historien: In bzw. hinter einer Wahrheit versteckt sich eine andere Wahrheit und dahinter noch eine … ad nauseam! Wer sich mit Rasputin eingelassen hatte, versuchte nachträglich, seine Rolle kleinzureden. Erinnert man sich daran, dass nach der Novemberrevolution der Sowjetterror begann und die ehemalige Oberschicht auch ohne Rasputin-Bezug beinahe vogelfrei war, ist diese Haltung verständlich.

Ein Untergang als Kammerspiel

„Der letzte Akt“ steckt voller faszinierender, aber in der Regel nicht mehr unbekannter Fakten, die der Autorenprofi Beevor interessant zu erzählen weiß. Er hat sich bemüht, die Tatsachen aus einem Meer ‚alternativer‘ Fakten zu fischen. Die Diskrepanzen vergangener Darstellungen legt er wie gesagt offen, wobei er diverse, vor allem in der populären Geschichtsschreibung durchgeschleppte Unwahrheiten eliminiert. Die beweisbare Wahrheit ist so bemerkenswert (bizarr), dass dieser ‚Verlust‘ nicht schmerzt.

Beevor zitiert in seinem Anmerkungsapparat viele Primärquellen. Allerdings greift er ungeachtet der von ihm angemerkten Probleme dennoch stark auf eher zweifelhafte Aufzeichnungen und Erinnerungen von Zeitzeugen zurück. Man merkt, dass Beevor in der Klemme steckte: Manche Lücke lässt sich offenbar nicht mit sicheren Fakten füllen, kann aber nicht offenbleiben, weil diese Geschichte sonst nicht ‚rund‘ liefe.

Problematischer erscheint zumindest diesem Rezensenten die Tatsache, dass Beevor für den Untergang des Zarenreiches primär drei Personen verantwortlich macht: den von seiner eigenen Macht zunehmend geblendeten Rasputin, den weichlichen Zaren und die mehr oder weniger verrückte Zarin. Beevor macht zwar deutlich, dass es eine Vielzahl weiterer Faktoren gab, die der russischen Monarchie den Garaus machten. Nichtsdestotrotz ist aus seiner Sicht der Verlust von Ruf, Glaubwürdigkeit und Vorbildfunktion hauptverantwortlich für das Desaster.

Das Ende des russischen Reiches als biegsamer Zweig der Historie

Beevor scheint die Realhistorie immer stärker zu formen, um sie den Äußerungen und Handlungen seines Dreiecks (Rasputin - Nikolaus - Alexandra) anzupassen; dass ihre Taten das ohnehin destabilisierte Zarenreich endgültig aus der Bahn warfen, ist seine Hypothese. Arbeitet er um der Deutlichkeit willen mit einer Zuspitzung der Fakten?

Diese drei Menschen können nur bis zu einem gewissen Grade für den Untergang des Zarenreiches verantwortlich sein. Liegt er dennoch richtig, vermag Beevor nicht deutlich genug zu machen, was mit- oder hauptverantwortlich zu machen wäre. Nicht überzeugend wirkt jedenfalls der Hinweis auf die (schon von Zeitgenossen als Erklärung herangezogene) „russische Seele“, die demnach auf eine Weise funktioniert/e, die das Verständnis des gegenwärtigen Menschen überstrapaziert.

Es fällt schwer zu begreifen, dass Zar und Zarin, zwei von Beevor mehr oder weniger deutlich als Narren, verblendete Hohlköpfe und Psychotiker dargestellte Personen, mehr als zwei Jahrzehnte herrschen konnten. Oder dass dieses kranke russische System von einem ehrgeizigen Emporkömmling aus der sibirischen Steppe zerstört wurde - einem Mann, dem Beevor echte ‚übernatürliche‘ Fähigkeiten als Heiler und Wahrsager nicht absprechen möchte! Spätestens hier endet die Toleranz dieses Rezensenten, der sich vor allem im letzten Drittel des Werks eher gut unterhalten als informiert fühlt.

Fazit

Das immer noch interessante Thema „Rasputin“ wird untersucht, ins historische Umfeld eingebettet und interpretiert, wobei sich die dünne Faktendecke oft störend bemerkbar macht. Bedenklicher wirkt allerdings die Neigung des Autors, das Schicksal eines Weltreichs auf die grotesken Taten dreier offenbar unzurechnungsfähiger Personen zuzuspitzen: Die Darstellung findet kein Gleichgewicht zwischen Wahrheit, Mythos und Überlieferungslücken!

Der letzte Akt

Antony Beevor, Reclam

Der letzte Akt

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