Das Ende der Wahrheit?

  • Dumont
  • Erschienen: September 2025
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Thomas Gisbertz
9101

Sachbuch-Couch Rezension vonNov 2025

Wissen

Eine gute Übersicht über die Probleme der Wahrheitsfindung in der modernen Gesellschaft und Politik.

Ausstattung

Reichhaltige Anmerkungen, die zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema einladen

Wie Lügen unsere Gesellschaft bedrohen.

Wem kann ich noch vertrauen? Was kann ich noch glauben? Gibt es überhaupt noch etwas wie die Wahrheit? Und wie erreiche ich diejenigen, die nicht mehr erreicht werden wollen? Während in Deutschland Gerichte die Angaben von Fakten-Checkern wegen Unwahrheit verbieten, verzichtet Marc Zuckerberg bei Facebook und Instagram in den USA ganz auf Faktenprüfer.

Unwahrheiten werden zunehmend Teil unseres Alltags und erreichen Dank der sozialen Medien in Sekundenschnelle Hunderttausende von Nutzern. Aber auch Täuschungen durch Medien und Politik erschüttern zunehmend unser Vertrauen in die demokratischen Institutionen. Die Verfassungsrichterin Elisa Hoven zeigt, worin die größten Gefahren dieser Entwicklung liegen und welche (rechtlichen) Lösungsansätze sie sieht, damit es so etwas wie eine allgemeingültige Wahrheit weiter geben kann.

Richterin und Professorin

Autorin Elisa Hoven ist Professorin für Strafrecht und Direktorin des Instituts für Medienrecht an der Universität Leipzig sowie Richterin am Sächsischen Verfassungsgerichtshof. Sie schreibt regelmäßig für DIE ZEIT und für die Welt und ist vielfach als Expertin gefragt. 2023 veröffentlichte sie zusammen mit Thomes Weigend bei DuMont ihr Sachbuch ,,Strafsachen''. Im Februar 2025 erschien ihr erster Roman ,,Dunkle Momente''.

Nicht neu, aber aktuell

Den Themenbereich, den Elisa Hoven in ihrem Sachbuch anspricht, ist sicherlich nicht neu. Vor allem der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat sich bereits in seinen Büchern ,,Die große Gereiztheit: Wege aus der kollektiven Erregung" (2018) und ,,Die redaktionelle Gesellschaft - Wege zur Medienmüdigkeit'' (2024) intensiv und gewinnbringend mit diesen Themen beschäftigt. Dennoch lohnt sich Hovens Sachbuch, da es zum einen hochaktuell ist und anhand ausgewählter Beispiele die Probleme anschaulich und leicht verständlich darstellt. Vor allem aber richtet sie einen interessanten Blick auf das Thema: Wie ist der Umgang mit der Wahrheit aus rechtlicher Sicht zu bewerten und welche Möglichkeiten gibt es, durch Gesetze - auch in Form einer Überarbeitung des Strafrechts - und strengere Regelungen gleichzeitig einen auch aus demokratischer Sicht wichtigen Austausch zuzulassen, aber dabei nicht auf Unwahrheiten, Verfälschungen oder Lügen hereinzufallen.

Vielfältige Gefahren

Die alltäglichen Unwahrheiten gefährden nicht nur den gesellschaftlichen Frieden, sondern bedrohen in ernster Weise unsere Demokratie. Filterbubbles, Echokammern, Social Bots, Algorithmen oder auch das gezielte Framing sind nur Beispiele dafür, wie man in diversen Bereichen die Wahrheitsfindung oder eine ausgewogene Sichtweise auf die Realität erschweren kann. Dies führt nicht selten zu einer kognitiven Verzerrung der Weltsicht.

Elisa Hoven veranschaulicht die Frage nach der Wahrheit in sehr ansprechender Weise anhand aktuell relevanter Bereiche wie Medien, Soziale Netzwerke, Politik, Krieg, Wissenschaft, Justiz, Sex und Bilder bzw. Videos, die ,,ihre'' Wahrheit durch Deepfake und KI generieren. Dabei geht die Autorin zunächst der Frage nach, ob es so etwas wie die Wahrheit überhaupt geben kann und welche Antwort man darauf von Aristoteles bis hin zu Habermas gefunden hat. Schnell können in der heutigen Zeit unterschiedliche Realitäten entstehen, da die Menschen Ereignisse nie wirklich neutral beobachten, sondern stets aus ihrer Perspektive - verstärkt durch die genannten Mechanismen, die uns in unserer Meinung nur bestätigen.

Was kann man tun?

Besonders interessant ist Hovens Fazit, bei dem es darum geht, wie man in diesem neuen Zeitalter der Lüge die Wahrheit schützen kann. Die Autorin zeigt hier auf, welche Mittel das Recht, die demokratischen Institutionen, die Medien, aber auch die Bürgerinnen und Bürger haben, um Gefahren durch Fake News, Social Bots oder auch der künstlichen Intelligenz zu begegnen. Gerade diese Darstellung ist sehr lesenswert.

Fazit

Wir brauchen eine neue Kultur des Zweifelns, in der nicht die Gewissheit, sondern die Suche nach der Wahrheit im Vordergrund steht'', schreibt Elisa Hoven am Ende ihrer Ausführungen. Warum dies wichtiger denn je ist, veranschaulicht die Richterin und Professorin sehr anschaulich in ihrem aktuellen Buch, indem sie auch Wege aufzeigt, wie man der zunehmenden Gefahr begegnen kann.

Das Ende der Wahrheit?

Elisa Hoven, Dumont

Das Ende der Wahrheit?

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