Intensive Recherche hervorragend umgesetzt.
Barbara Demick wuchs in New Jersey auf und lebt heute in New York. Als Journalistin für Politik arbeitete sie u.a. für die New York Times, berichtete aus dem Balkan Krieg, lebte viele Jahre in Nahost, Seoul und Peking. Als preisgekrönte Autorin von Sachbüchern und Artikelserien widmet sie sich dem Leben der Menschen in den Ländern, in denen sie gelebt hat. Sie versucht den Auswirkungen der staatlichen politischen Lage auf das Leben der einzelnen Menschen auf den Grund zu gehen. Während ihrer Zeit in China wurde sie mit dem Thema der Auslandsadoptionen konfrontiert. Bis 2024 wurden hauptsächlich Mädchen international adoptiert. Viele davon kamen in die USA, wo die Meinung vorherrschte, diesen Kindern ein besseres Leben bieten zu können. Doch Demick wurde immer kritischer, je tiefer sie in dieses Thema eintauchte.
Adoption oder Handel?
Die Adoptionen aus China liefen generell über staatliche Organe. Meist waren es Mädchen, die angeblich ausgesetzt gefunden wurden und als unerwünschte Töchter in Kinderheime kamen. Dafür sorgte die bis Oktober 2015 herrschende Einkindpolitik. In der chinesischen Gesellschaft wird ein männlicher Nachkomme bevorzugt, was zu Problemen führte, wenn das erste Kind ein Mädchen war. Hohe Geldstrafen für weitere Kinder, Zwangsabtreibungen und verordnete Sterilisationen waren u.a. die Konsequenzen. Doch Demick hörte von Eltern, die versuchten ihre Töchter irgendwie zu schützen und zu behalten. Und sie hörte von Entführungen durch staatliche Organe. Wohin kamen diese Kinder? Waren sie die „Ware“ für Auslandsadoptionen? Diesen Fragen ging Demick nach und stieß auf ein Vorgehen, das ebenso abstoßend, wie kriminell war.
Getrennte Zwillinge
Ganz besonders hatte ihr es der Fall von den getrennten Zwillingen Fangfang und Shuangjie angetan. Während die eine aus den Armen der Tante gerissen wurde und verschwand, verblieb die andere bei den Eltern im Bergdorf Gaofeng in der Provinz Hunan. Demick recherchierte und fand ein Mädchen in Texas, das der verschwunden Zwilling sein könnte. Doch erst viele Jahre später konnte die Sachlage geklärt werden.
Ein fesselnder Bericht
Barbara Demick hat wieder einmal bewiesen, dass sie intensive Recherche in ein fesselndes Sachbuch verwandeln kann. Hier werden nicht nur Fakten heruntergebetet, sondern in einem Bericht verarbeitet, der sowohl sachlich als auch sehr persönlich ist. Doch trotz der Nähe zu den Menschen, schafft Demick es Distanz und Objektivität zu bewahren. „Chinas entführte Töchter“ ist ein erschütterndes und sehr beeindruckendes Buch. Man muss sich auf viele politische Details gefasst machen, die aber geschickt in die menschliche Tragödie rund um die Mädchen und ihre Familien eingefügt sind. Man bemerkt kaum, dass Demick unglaublich viele Fakten recherchiert hat, die sich mit der Einkindpolitik und anderen gesellschaftlichen und politischen Einflüssen auf das Leben in China befassen. So ergänzen sich Theorie und erschütternde Realität. Die Lektüre kann so ziemlich emotional werden, ja sogar fordernd sein, doch sollte man sich diesen Herausforderungen stellen, denn was berichtet wird, ist ein mahnender Teil der Geschichte.
Bilder
Die Vorgänge rund um die Zwillinge hat große Wellen geschlagen. Da ist es verständlich, dass Demick versucht, die Privatsphäre der Familien zu wahren. Wohl auch aus diesem Grund sind die Fotos alle schwarz-weiß und recht klein gehalten. Dennoch schaffen sie persönliche Nähe und lassen das Gelesene noch lebendiger werden. Im Anhang werden zudem die Recherchegrundlagen der Autorin genannt, sodass man bei größerem Interesse selbst nachforschen und sich weiter informieren kann.
Fazit
Wieder ein gelungenes Sachbuch von Barbara Demick! „Chinas entführte Töchter“ führt in die Abgründe der Einkindpolitik und deren Auswirkungen. Die Mischung aus intensiver Recherchearbeit und persönlicher Nähe bringt dieses erschütternde und diffizile Thema näher, macht betroffen und hinterlässt zumindest Bedauern, wenn nicht sogar Entsetzen.



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