Bis zum Grund der Welt

  • mare
  • Erschienen: September 2025
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Michael Drewniok
8101

Sachbuch-Couch Rezension vonJan 1970

Wissen

Selbst ohne Vorwissen erschließt dank einer Faktenwissen und Anekdoten geschickt miteinander verknüpfenden Autorin ein ‚schwieriges‘ oder besser faszinierendes Thema.

Ausstattung

Der Text muss (und kann) für sich stehen; Bildmaterial gibt es nicht.

Tiefe Neugier und bodenlose Gier.

Selbstverständlich zitiert auch Laura Tretheway jenen berühmten Spruch, demzufolge der Mensch den Weltraum besser kennt als den eigenen Planeten. Gemeint sind die Tiefen der Ozeane, die bekanntlich mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche bedecken. Dabei erreichen sie beträchtliche Tiefen von bis zu 11 Kilometern, weshalb man - ebenfalls ein Bild, das in diesem Zusammenhang nie fehlt - den Mount Everest, der sich beinahe 9000 Meter in den Himmel reckt, problemlos im Ozean versenken könnte.

Wasser hat zwar keine Balken. In einem Trinkglas wirkt es harmlos. Tatsächlich ist es ein Element, das es in sich hat: Je tiefer ein Spalt klafft, desto mehr Wasser füllt ihn - und Wasser ist deutlich schwerer als Luft. Man muss gar nicht tief tauchen, bis sich ein Druck aufbaut, der mit Luft gefüllte Hohlräume - eine Glaskugel, ein U-Boot, die menschlichen Lungen - buchstäblich mit Schallgeschwindigkeit implodieren lässt; ein Schicksal, das bekanntlich im Juni 2023 das Charter-Tiefseeboot „Titan“ während einer Tauchfahrt zum Wrack der „Titanic“ getroffen hat.

Zudem erweist sich das nur scheinbar durchsichtige Wasser als erstaunlich blickdicht und kann selbst mit Spezialgeräten nur schwer und meist nicht tief (genug) durchschaut werden. Der Meeresgrund entzieht sich neugierigen Menschenaugen; zwischen beide schieben sich Planktonschwärme, bildverzerrende Kalt- und Warmschichten u. a. Hindernisse. Außerdem sind die zu sichtenden und aufzuzeichnenden Flächen so gewaltig, dass es ungeachtet moderner Hightech wohl noch Jahrzehnten dauern wird, bis die weißen Flecken der Tiefsee getilgt sein werden.

Möglichkeit und Motiv

Trethewey hat sich als Wissenschaftsjournalistin auf Fragen der Meeresbodenerforschung (Hydrografie) spezialisiert. Ihr Buch ist nicht nur eine Bestandsaufnahme dieses Forschungsfeldes, sondern gewährt auch einen Rückblick auf über ein Jahrhundert mehr oder weniger intensiver Messbemühungen. Die Autorin geht über technische Fragen dabei hinaus und verortet ein Forschungsgebiet, das seit jeher auch Spielball politischer, wirtschaftlicher und militärischer Kräfte ist.

Wer weiß, wie es unter der Meeresoberfläche aussieht, und dies seinen Mitmenschen verschweigt, konnte und kann davon profitieren. Schon das Wissen um gefährliche Riffe und unter Wasser lauernder Klippen verhindert Havarien, die einst mit Goldschätzen beladene Segelschiffe und heute riesige Öltanker zerbersten und auslaufen ließ und lässt. Außerdem kann man sich unter Waffen nahe an „feindliche“ Kontinente heranschleichen, diese ausspionieren, Fallen stellen und aus unerfreulicher Nähe Atomwaffen abfeuern. Schließlich verbergen sich in die Tiefsee Bodenschätze, nach denen nicht die legendären Riesenkraken, sondern zweibeinige Geschäftemacher begehrlich ihre Tentakeln ausstrecken.

Da wir gleichzeitig noch nicht wissen, wie sich Eingriffe auf eine Ökosphäre auswirken, die sich aufgrund von Druck, Dunkelheit und Kälte nur langsam entwickeln und noch langsamer regenerieren kann, droht hier eine weitere der Gefahren, die durch kurzsichtige Gier verursacht werden: Womöglich ziehen Konzerne und ihre ohnehin überreichen Eigentümer dem ahnungslosen Rest der Menschheit den Boden unter den Füßen weg.

Sich selbst ein Bild machen

Wie sehr Egoismus längst die nur noch behauptet unabhängigen Wissenschaften ausgehöhlt hat und dominiert, weiß Trethewey aus eigener Erfahrung. Sie hat mehrere Jahre an ihrem Buch gearbeitet und zwischenzeitlich Ozeanfahrten unternommen, um sich vor Ort ein Bild vom Alltag der Meeresgrundvermessung zu machen. Dass sie u. a. an Bord des entsprechend ausgerüsteten Spezialschiffs „Nautilus“ durfte, verdankte sie der Genehmigung (und dem Ego) eines Milliardärs, der sich in den Kopf gesetzt hatte, als erster Mensch die tiefsten Punkte der fünf Ozeane dieses Planeten zu betauchen. Um sich den (sinnlosen) Titel zu sichern, gab er vorab viel Geld aus, um diese Stellen definitiv zu finden. Was die Forscher nebenbei für ihre Fachgebiete herausfanden, durften sie auswerten.

Die Ermittlung von ozeanischem Wissen stand nicht im Vordergrund der seltsamen Expedition. So war es immer schon, rekapituliert Threthewey: Womöglich verfügen US-amerikanische und/oder russische und/oder chinesische Militärs längst über vollständige Meereskarten, rücken damit aber nicht heraus, um ihr Wissen für den „Ernstfall“ zu horten. Zudem steht keineswegs fest, ob es ratsam ist, die Meeresböden zu kartieren: Das Wissen um ihre Topografie könnte zum eigentlichen Auslöser für einen Sturm auf die Schätze der Tiefsee auslösen. Welcher Konzern interessiert sich dafür, dass die kostbaren Manganknollen unverzichtbar für die Fauna der Tiefsee sind, die sich nur darauf verankern kann? Steckt im Schlammboden womöglich noch mehr von Wert? Schon sind Maschinen in Planung, die zehn oder zwanzig Meter tief schürfen können und dabei alles vernichten werden, was ihnen zwischen die Sägezähne kommt.

Dennoch bleibt die Meeresbodenkartei ein mehrfach verfolgtes Projektziel. Threthewey thematisiert immer wieder „Seabed 2030“. Dahinter verbirgt sich ein privates Netz von Forschern, die auf die erstaunlich oft ‚zufällig‘ erhobenen Daten von Fischern, Hochseeseglern oder Frachtschiffen zurückgreifen. Sie bitten darum, werten sie als Kollektiv aus und stricken auf diese Weise langsam und mühsam, aber durchaus erfolgreich an einer Gesamtkarte der Ozeangründe.

Die messerscharfe Schneide der Erkenntnis

„Seabed 2030“ ist freilich ein Projekt in der Dauerkrise. Geldnot, schwer zu entschlüsselnde Daten und eine internationale Gesetzgebung, die eine Messung diesseits einer 200-Meilen-Distanz zu den Küsten eines Landes verbietet, sorgen immer wieder für Verzögerungen. Dennoch konnten Erfolge erzielt werden. Ausführlich schildert Threthewey die Geschichte der Inuit von Arviat in der kanadischen Hudson Bay. Sie leben seit jeher von der Jagd auf Robben und vom Fischfang. Das über viele Generationen überlieferte Wissen wird allerdings vom Klimawandel ad absurdum geführt. Um weitere Unfälle und Havarien zu vermeiden, beauftragten die Inuit eine private Firma damit, gezielt den Meeresboden ‚ihrer‘ Bucht zu vermessen.

Generell schreitet die Entwicklung weiter fort. Womöglich wird „Seabed 2030“ überflüssig, noch bevor das Ziel erreicht ist, dem unzählige Menschen Zeit und Geld geopfert haben. Eine gänzlich neue Generation von Tauch- und Messrobotern ist in der Lage, ohne Menschen an Bord in die Tiefe zu tauchen und dort unabhängig von Oberflächenbefehlen zu agieren. So erhält man Werte von niemals gekannter Präzision, ohne Leben in Gefahr zu bringen.

Gleichzeitig gibt es Bestrebungen, einen regelrechten Tiefsee-Tourismus für betuchte Kunden zu etablieren. Dies erfolgt parallel zu den Bemühungen, private Raketen in die Erdumlaufbahn zu schicken. Wer superreich ist und sein trotzdem mickriges Ego aufwerten will, kann sich also bald entscheiden, ob er ins All starten oder auf den Grund der Erdozeane tauchen will. Solche Pläne fügen sich in das insgesamt düstere Bild, für das Trethewey ihre Erkenntnisse zusammenfasst: Hier und jetzt ist nicht klar, in welche Richtung sich die Zukunft der Tiefsee entwickeln wird. Die Forschung wird sich wie überall der Ausbeutung geschlagen geben müssen. Da nur bekannt ist, dass, aber nicht wie sich dies auf die Ökosphäre der gesamten Erde auswirken wird, teilt man als Leser das Unbehagen der Autorin.

Fazit

Ein nur scheinbar trockenes Thema wird ebenso informativ wie verständlich ausgebreitet. Werden die Ozeane dieses Planeten „erforscht“ oder „erobert“? Die Autorin beschreibt einen Scheideweg, an dem die Menschheit steht.

Bis zum Grund der Welt

Laura Tretheway, mare

Bis zum Grund der Welt

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