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Wissen
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Wissen

Das Buch führt mit einem philosophisch-fragenden Ansatz durch die Gedankenwelt des Aristoteles. Einzig die spätere Rezeption wird eher einseitig beleuchtet. Ansonsten ein sehr gelungener Kurzüberblick.

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Das Buch überzeugt sprachlich und strukturell mit Stringenz und Klarheit. Das Buch ist gut nachvollziehbar in kurze Kapitel und Sinnabschnitte eingeteilt, was den Lesefluss sehr erleichtert.

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Moritz Neufeld
Eine Reise vom Erkennen zum guten Leben

Sachbuch-Rezension von Moritz Neufeld Jul 2020

„Aristoteles war ein Philosoph, der viel unterwegs war.“ Welch passender Einstiegssatz für ein Buch, das mit schlanken 48 Seiten in jeder Tasche Platz findet und sich damit als Reisebegleiter für Philosophieaffine geradezu aufdrängt. Auch Aristoteles reiste seinerzeit viel im vorderasiatischen Raum herum: Nach einer Zeit an Platons Akademie in Athen fungierte er nach verschiedenen Lehr- und Forschungsstationen unter anderem als Lehrer Alexanders des Großen in Makedonien. Doch auch geistig war Aristoteles keiner, der sich gern auf ein Terrain beschränkte: Sein Gesamtwerk mutet wie ein wilder Ritt durch Astronomie, Physik, Biologie, Chemie, Psychologie und Philosophie an. Die Philosophie wie wir sie kennen, so Dunshirn in seiner Einleitung, wäre ohne Aristoteles nur schwer vorstellbar. Wie kann man so einem Großen mit einem gerade einmal 48-seitigen Büchlein gerecht werden?

Welt-Erschließung durch logische Deduktion

Der Autor geht dieses Vorhaben an, indem er die Metaphysik als Aufhänger für einen naturgemäß knappen Querschnitt durch das aristotelische Denken nutzt. Seinen Anfang nimmt dieser Querschnitt mit der Frage nach der menschlichen Erkenntnis. Eine entscheidende Rolle im Prozess des Erkennens nimmt bei Aristoteles die Seele ein: Erst sie gebe dem Menschen die Möglichkeit, zu unterscheiden und zu differenzieren. So sei der Mensch im Gegensatz zu anderen Wesen in der Lage, Schlüsse zu ziehen und in Kategorien zu denken. Auf diese Weise kann er einen Sinn aus seiner Umgebung ziehen, indem er von den wahrgenommenen und kategorisierten Eigenschaften der Dinge auf ihre Beschaffenheit schließt.

Gekonnt macht Dunshirn immer wieder auf die Feinheiten des Altgriechischen aufmerksam. So auch bei der Beschreibung der menschlichen Fähigkeit zum logischen Deduzieren: Hier stellt der Autor fest, dass Aristoteles „zur Verknüpfung von Subjekt und Prädikat anstelle des ,ist‘ in Einzelsätzen durchgehend [den] Ausdruck ,kommt zu‘ (hypárchei) verwendet.“ Konkret: Der Satz „Alle Menschen sind Säugetiere“ wird umgedreht, denn zuerst steht die Kategorie. So würde ein entsprechender Satz lauten: „Säugetier-Sein kommt allen Menschen zu“. Dieser Abschnitt ist ein gutes Beispiel für Dunshirns Strategie, schlaglichtartige Einblicke in Aristoteles‘ Gedankenwelt zu geben: Die genaue, auch auf sprachliche Einzelheiten eingehende Betrachtung schafft Tiefe und lässt die Argumente plastisch und nachvollziehbar erscheinen.

Zeit als „Parasit der Bewegung“?

Spannend sind die Überlegungen des begeisterten Astronomen Aristoteles zur Zeit. Die Welt, so der Philosoph, befinde sich in stetiger Bewegung. Und die Zeit sei lediglich eine „parasitäre Erscheinung der Bewegung“. Genauer: Zeit ist die „Anzahl an der Bewegung gemäß einem Früher und Später“. Die Zeit lasse sich besonders gut an den Abläufen der Planeten und Himmelskörper ablesen, denn dort wiederholten sich gewisse Veränderungen und Bewegungen regelmäßig. So entstehen Abschnitte, die es uns ermöglichen, „vorher“ von „nachher“ zu unterscheiden. An diesem Punkt findet sich ein bemerkenswerter Satz, der zum Nachdenken anregt und von großer Aktualität ist:

"Aristoteles wirft in der ,Physik‘ auch die Frage auf, ob es Zeit gibt, wenn niemand da ist, der solche Abläufe zählt."

An diesem Punkt müssen die Leser*innen selbst weiterdenken, denn mit dieser offen gelassenen Frage beendet Dunshirn sein Kapitel zur Physik und fährt ohne Umschweife auf die Frage nach der Metaphysik fort. Die fügt sich nahtlos an die zuvor angestellten Überlegungen zur Beschaffenheit der Dinge an und lässt sich vielleicht so zusammenfassen: Was ist es, das hinter den sinnlich erfahrbaren Eigenschaften der Dinge steht und sie zu dem werden lässt, was sie sind? Hier spricht Aristoteles von einer „dýnamis“, einer Kraft, welche die Dinge auf ihre Verwirklichung zustreben lässt. Hinter dieser stetigen Verwirklichung vermutet Aristoteles die „göttliche Vernunft“ – diese befinde sich in einem fortlaufenden Prozess, in dessen Zentrum das „Denken des Denkens“ stehe.

Am Ende steht die Frage nach dem Glück

Von diesem Gedanken aus schließt Aristoteles auch auf die Frage danach, wie ein Mensch ein glückliches und erfülltes Leben führen könne. Die Antwort: Indem er stetig nach dem Guten strebe und sich in ständiger Verwirklichung des wahrhaftigen Strebens bewege. Mit diesem Gedanken lässt Dunshirn seine Leser*innen ohne jedes Fazit etwas abrupt am Ende seines Buches zurück. Warum? Vielleicht, weil dies ein optimaler Punkt ist, um selbst weiterzudenken. Dieser für ein Sachbuch unkonventionell offene Abschluss passt zum gesamten Buch: Die plastische und klare Darstellung gibt einen knappen, aber soliden Überblick, der zum weiteren Nachdenken anregt. So wird Dunshirn auf souveräne Weise genau dem Ziel gerecht, das eine „Philosophie für unterwegs“ letztlich verfolgt.

Etwas einseitig sind allerdings die Bezüge, die der Autor immer wieder von der aristotelischen Philosophie zu späteren Denkern herstellt. Die arabisch-islamische Philosophie etwa, für die Aristoteles insbesondere in metaphysischen Fragen ein enorm wichtiger Bezugs- und auch Reibungspunkt war, bleibt hier gänzlich außen vor. Dunshirns Verweise auf spätere Werke beschränken sich rein auf den deutschen Idealismus, namentlich Hegel und Kant. Auch wenn eine Nennung aller Werke, die Aristoteles‘ Gedanken aufgreifen, natürlich viel zu umfangreich für ein so kleines Buch ist: Die Beschränkung auf eine Epoche ist etwas unglücklich gewählt und wird der gewaltigen Bandbreite an Denker*innen nicht gerecht, die sich seit Jahrtausenden an Aristoteles abarbeiten.

Fazit:

Dieses Buch eignet sich hervorragend, um eine kurze bis mittlere Zugreise für die geistige Horizonterweiterung zu nutzen. Unterwegs sind angesichts der enormen Dichte an Information immer wieder Phasen des kontemplativen Aus-dem-Fenster-Schauens definitiv unerlässlich. Wer dieses Buch am Ende zuklappt, wird nachdenklich über den Bahnsteig schlendern und um einigen Stoff zum Sinnieren und Weiterlesen bereichert am Ziel ankommen.

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