1918 - Die Welt im Fieber

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „Pale Rider. The Spanish Flu of 1918 and how it Changed the World”
- New York : PublicAffairs/Perseus Books Group/Hachette Book Group 2017
- München : Carl Hanser Verlag 2018. Übersetzung: Sabine Hübner. ISBN-13: 978-3-446-25848-8. 384 Seiten
- München : Carl Hanser Verlag 2018 [eBook]. Übersetzung: Sabine Hübner. ISBN-13: 978-3-446-25958-4. 9,37 MB [ePUB]

Couch-Wertung

8
Wissen
Ausstattung

Wissen

Faktenreich und gut geschrieben, d. h. informativ und spannend sowie durch einen (un-) glücklichen Zufall überaus aktuell informiert Laura Spinney über eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Tragödie

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Michael Drewniok
Verdrängter Albtraum mit Spätfolgen

Sachbuch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2021

Wenn heute das Jahr 1918 Erwähnung findet, dann primär als Endpunkt des Ersten Weltkriegs - eine Erinnerung, die nicht nur verständlich, sondern auch korrekt ist, war dieser Krieg doch ein Schlüsselereignis, das buchstäblich die gesamte Welt = auch Länder betraf, die gar nicht am großen Schlachten in Europa, Russland oder Kleinasien teilgenommen hatten.

Dagegen ist ein faktisch noch verhängnisvolleres Geschehen, das ebenfalls 1918 seinen Lauf nahm, in den folgenden Jahrzehnte praktisch in Vergessenheit geraten. Dabei forderte die Spanische Grippe in nicht einmal zwei Jahren weltweit 50 oder womöglich 100 Millionen (Todes-) Opfer, womit weitaus mehr Menschen ihr Leben auf dem Krankenbett verloren als in einem der Schützengräben. Gleichzeitig erkrankten (und überlebten) weitere 500 Millionen Zeitgenossen, so dass ein Drittel der damaligen Erdbevölkerung von der Pandemie betroffen war.

Dass diese Tragödie einem kollektiven Verdrängen anheimfallen konnte, erregte das Interesse der englischen Autorin und Journalistin Laura Spinney, die sich auf wissenschaftshistorische Themen spezialisiert hat. Sie ist den nicht nur sporadischen, sondern durchaus zahlreichen, aber verstreuten Spuren der Epidemie gefolgt und hat deren Geschichte rekonstruiert. Spinney dokumentiert dabei nicht nur die Jahre der eigentlichen Pandemie, sondern berücksichtigt auch die Vorgeschichte, d. h. eine Historie, die bereits vor 1918 immer wieder durch massenmörderische Krankheiten beeinflusst wurde. Zusätzlich verfolgt die Autorin die Spuren der Spanischen Grippe nach 1918. Es gibt sie, aber sie müssen aus dem historischen Kontext herausgelöst werden; eine Herausforderung, die Spinney einerseits meistert, während sie andererseits über ihr Ziel hinausschießt.

Unerwarteter, unerwünschter, glücklicher Zufall

Lässt man das Thema erst einmal unberücksichtigt, kann man Laura Spinney und den Verlagen, die dieses Buch veröffentlicht haben, nur beglückwünschen: Der Zufall verhalf ihnen zu einer Punktlandung auf jener winzigen Zielfläche, in der Bestseller geboren werden! Es ist nicht (nur) die Qualität dieses Sachbuches, das eine halb vergessene Global-Tragödie zum 100-jährigen ‚Jubiläum‘ zurück ins öffentliche Bewusstsein brachte und (medizin-) historische Leser anzog: Nur zwei Jahre nach dem Erscheinen der Erstauslage kam Covid-19 über die Welt - eine Pandemie, die in vielen Aspekten aufleben ließ, was ein Jahrhundert zuvor geschehen war.

Die Parallelen sind in der Tat erschreckend, und Spinneys Darstellung ist erst recht eindrucksvoll, wenn man sich vor Augen führt, dass sie ihr Buch ohne Wissen der ‚anstehenden‘ Pandemie schrieb. Ihre Argumentation ist ereignisunabhängig, weshalb es den Lesern überlassen bleibt zwischen Einst und Jetzt zu vergleichen. Dies fällt auf der Basis der Erfahrungen, die wir inzwischen mit Covid-19 machen mussten, unerfreulich leicht - und es lässt jene Barriere einstürzen, die zwischen der Gegenwart und einer Vergangenheit liegt, die uns normalerweise nicht mehr betrifft.

Erstaunlich (oder deprimierend) oft fragt man sich, ob man hier ein Buch über die Spanische Grippe von 1918 oder die aktuelle Covid-19-Epidemie liest. Zwar liegt ein Jahrhundert zwischen diesen Katastrophen, und natürlich unterscheiden sich die Alltagswelten der Vergangenheit und Gegenwart beträchtlich. Nichtsdestotrotz stellt sich heraus, dass Naturwissenschaft und Medizin und erst recht die Politik damals wie heute mehr versprachen, als in der Krise gehalten werden konnte bzw. kann: Hier müssen die Hosen heruntergelassen werden, es helfen keine Behauptungen und Versprechen mehr, sondern nur noch Taten.

Lernt der Mensch eigentlich je dazu?

Aus den Ereignissen von 1918/19 hätte man Lehren ziehen können. Die Forschung tat es durchaus, aber ansonsten verdrängten die Zeitgenossen die Grippe und verschwiegen ihren Kindern und Enkeln einschlägige, aber schmerzliche Erfahrungen. Spinney legt dar, wieso der Erste Weltkrieg unvergessen blieb: Das Sterben an der Front war spektakulär und wurde unmittelbar zur Kenntnis genommen. An einer Seuche stirbt man dagegen vergleichsweise ‚unauffällig‘ im Hospital, während ratlose Regierungen ihre Bürger belügen, um „Unruhen und Aufstände zu verhindern“.

Hinzu kam wie heute die Furcht vor wirtschaftlichen Einbußen, was einschneidende Maßnahmen wie den verschärften „Lockdown“ verhinderte. Vor allem große Betriebe und Konzerne waren insgeheim bereit ihre Arbeiter zu opfern - es gab ja genug Ersatz, und Menschenrechte konnten vergleichsweise problemlos mit Füßen getreten werden. Erst als die Epidemie zeigte, dass sie sich um Landes- und Standesgrenzen nicht scherte, wurde Geld nicht nur für eine Isolation der Erkrankten, sondern auch für den aktiven Seuchenschutz in die Hand genommen.

Auch die Religionen dieser Welt trugen ihr unrühmliches Scherflein bei: Statt auf Medizin und Wissenschaft wurde auf das in möglichst großer = vom jeweiligen Gott besser hörbarer Menschenzahl vorgetragene Gebet gesetzt, was dem Virus neuen ‚Brennstoff‘ lieferte. Außerdem gab es schon damals mehr als genug Zeitgenossen, die an eine Bedrohung aus dem Mikrokosmos nicht glauben mochten. 1918 ahnte man zwar, dass es nicht nur Bakterien, sondern auch Viren gab, aber man konnte sie mit den Mikroskopen dieser Zeit nicht erkennen. Was man nicht sehen kann, macht nicht krank, lautete die Devise der Zweifler deshalb, als die Grippe schon ganze Landstriche niedermähte.

Der lange Weg zur Erkenntnis

Was man der Wissenschaft vorwarf, holte sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten nach: In den Jahrzehnten nach 1918 löste sie viele Rätsel der Spanischen Grippe (und stellte fest, dass sie ganz sicher nicht in Spanien ausbrach.) Man entwickelte Impfungen und berücksichtigte dabei die Mutationsrate des Grippevirus‘, der immer wieder mutiert und in seiner aktuellen Inkarnation erneut über die Menschheit herfallen kann (was u. a. 1957 und 1968 geschah).

Die Weltgeschichte wurde durch die Spanische Grippe auf sämtlichen Ebenen in einem Ausmaß beeinflusst, das erst allmählich erkannt und begriffen wurde. Spinney schildert die Folgen einer Pandemie, die (aus Gründen, die erst viel später erkannt wurden) nicht nur, aber vor allem die Jungen und Kräftigen traf und tötete. Der Ausfall einer ganzen Generation kann nicht ohne gravierende Folgen bleiben. Auch unter den Überlebenden rührte es sich. Spinney greift sich beispielhaft die vom ebenfalls erkrankten Mahatma Gandhi angeführte Bewegung an, die 1947 die Unabhängigkeit Indiens von der britischen Kolonialherrschaft erreichte. Auch sonst beleuchtet sie historische Ereignisse im Licht der Seuche und sorgt dadurch für Aha!-Erlebnisse; wer hätte beispielsweise daran gedacht, die Spanische Grippe mit dem Ende des Ersten Weltkriegs sowie mit den daraus folgenden Umwälzungen in Verbindung zu bringen?

Hier fragt man sich manchmal freilich, ob die Autorin nicht über das Ziel hinausschießt, wenn sie die Grippe mitverantwortlich für den Aufstieg des deutschen Nationalsozialismus‘ macht und ihr dabei eine Bedeutung zuweist, die historisch schwer oder kaum zu untermauern ist. Dass die Pandemie ihre Spuren markanter hinterließ als bisher gekannt, weiß Spinney plausibler zu verdeutlichen, wenn sie auf Bücher, Filme u. a. Zeugnisse einer Alltags- und Populärkultur hinweist, in der die Seuche ihre Spuren hinterlassen hat. Auf diese Weise trägt die Autorin zahlreiche Indizien zusammen, die das Wissen über die Seuche dokumentieren, aber die weiterhin existierenden Lücken nicht verschweigen. Spinney Informiert vorzüglich, erzählt aber auch, ohne darüber die Fakten zu vernachlässigen. Sie legt damit ein Sachbuch vor, das - auch jenseits von Covid-19 - breite Aufmerksamkeit verdient.

Fazit:

Faktenreich und gut geschrieben, d. h. informativ und spannend sowie durch einen (un-) glücklichen Zufall überaus aktuell informiert Laura Spinney über eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Tragödie, die nicht nur unsere Vergangenheit maßgeblich geprägt hat, aber auch für die Gegenwart relevant bleibt.

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